blog lebensliebe

Loslassen und leichter werden (Podcast Folge 1)

December 25, 2017

 

Wenn die Stimme im Kopf leiser wird und wir einfach mal loslassen

 

In letzter Zeit habe ich mir so viele Gedanken über das Loslassen gemacht und es ist mir ein Anliegen diese Gedanken zu teilen. Wir halten so oft an ganz vielen Dingen wie Freunden, Partnern oder auch Jobs fest. Aber warum tun wir das eigentlich? Warum fällt es so schwer loszulassen und sich so selbst etwas mehr Leichtigkeit und Lebensfreude zu verschaffen?

 

Als Yogalehrerin und als Mensch, der sich viel mit Achtsamkeit befasst, hat man eigentlich gar keine Möglichkeit dem loslassen – oder nicht Anhaften, oft auch Non-attachment, wie es im Englischen heißt, aus dem Weg zu gehen.

 

Die Kunst des Loslassens

 

Aber was ist das eigentlich, dieses Non-attachment. Es ist die Kunst los zu lassen, die Gedanken nicht weiter an bestimmten Themen anhaften zu lassen und so nach und nach glücklicher und leichter zu werden. Das ist ja schon etwas, das wir alle wollen: Glücklich werden. Geht das wirklich so einfach? In dem man los lässt, die Gedanken weiterziehen lässt und so ein neues Level von Zufriedenheit und Glück erreicht?

 

Ganz oft, wenn ich meditiere versuche ich genau das. Manchmal gelingt es besser, manchmal schlechter. Wenn ich mich zum Meditieren hinsetze, gebe ich mir eigentlich fast immer ein Thema vor – zum Beispiel: loslassen. Dann atme ich bewusst, nehme bewusst den Raum um mich herum wahr, die Geräusche, die Luft auf der Haut, den Geschmack auf der Zunge, bis ich so da bin, dass ich mich auf das Thema „Loslassen“ konzentrieren kann. Nicht selten begegnen mir dann Menschen vor meinem inneren Auge, mit welchen ich gerade Konflikte habe. Kennt ihr das? Ihr habt einen Konflikt und ihr wisst nicht, wie ihr diesen mit dem Freund, der Freundin, Mama oder Papa, Kollege oder Kollegin lösen sollt? Und dann schwirrt Euch dieser Mensch dauernd im Kopf herum, ihr sprecht mit ihr oder ihm, und ihr seid vielleicht traurig, wütend oder auch beides gleichzeitig. Wir tendieren dazu, an diesen Gefühlen festzuhalten und uns auf die Wut, die Traurigkeit oder auch die Kombination zu versteifen. Manchmal fühlen wir das dann auch im Bauch, wir verspannen wenn wir den Personen begegnen oder wir fordern noch mehr Frust herauf, weil wir uns in der Unterhaltung mit der Person einfach unseren Gefühlen hingeben. Fast als würden wir einen Grund suchen, nun aber auch wirklich wütend zu sein.

 

Meditation mit Liebe

 

Da kann die Meditation vielleicht helfen: Wenn man sich diesen Menschen ganz liebevoll vor das innere Auge ruft und einfach nur betrachtet. Wertfrei. Bewusst ohne Gedanken zu diesem Menschen zu formulieren. Bewusst ohne weiter nach einem Gefühl von Traurigkeit oder Wut zu suchen. Man ist einfach nur da. Mit dem Atem, dem Bewusstsein, dem eigenen Körper, im eigenen Raum und lässt das Bild dieses Menschen wirken.

 

Wisst ihr was dann schon mal passieren kann? Dass der Ärger oder die Traurigkeit verpufft und alles nicht mehr so schlimm ist. Solltet ihr an diesen Punkt in Eurer Meditation kommen, dann schickt dem anderen Menschen noch ein wenig von eurer Wärme, vielleicht sogar Liebe und kommt wieder zurück zur initialen Intention, dem Loslassen.

Das ist eine kleine Übung von Loslassen, die aber auf so viele andere Bereiche in unserem Leben angewandt werden kann.

 

Non-attachment und Philosophie

 

In den östlichen Philosophien, zum Beispiel den Yoga Sutras von Patanjali, wird sehr viel vom Non-attachment, dem nicht anhaften gesprochen. Dieses nicht anhaften startet ganz oft von der Loslösung von materialistischem Besitz. Dahinter steht ein wunderschöner Gedanke: Nämlich dass wir alle eigentlich nichts besitzen. Wir haben etwas für den Moment, das uns zugefallen ist, und wir haben es, bis es weiterzieht. Jetzt kann man sich natürlich fragen, ob man einen Teller oder Besteck einfach ziehen lassen kann. Aber ich mag es diese Idee auf Geld zu übertragen. Der Gedanke ist: Du hast Geld, weil Du daran glaubst, es zu verdienen und somit ziehst du es in dein Leben. Deine Zeit, dein Leben ist etwas wert und das ist dir bewusst. Aber in dem Moment, in dem du das Geld nicht frei weiter fliessen lässt, sondern daran hängst, wird es dir zum Verhängnis. Du fängst an darüber nachzudenken, möchtest es halten und verlierst dich in deinen Gedanken an Geld, sparen und Geld mehren.

Ähnliche Gedanken kennen wir vermutlich alle auf die eine oder andere Weise.

 

Die Philosophie zum non-attachment geht aber noch weiter: Sie bezieht sich neben dem äusserlichen, materialistischen auch viel auf das was im Kopf selbst passiert. In unserer Welt ist es gar nicht so einfach, nicht zu denken. Wir denken, planen und handeln eigentlich immer. Wir haben eine gewisse Idee, wie unsere Karrieren, Beziehungen und Lebenspfade zu funktionieren haben und orientieren uns recht fix an diesen Ideen. So richten wir auch unsere Gedanken darauf aus.

Diese Fixiertheit der Gedanken führt auch dazu, dass unser Denken sehr oft um bestimmte Themen kreist und wenig Raum fürs Seelebaumeln, einfach sein oder auch neue Ideen lässt. Ein Beispiel, das ich in meinem Freundeskreis so oft sehe, ist die Fixiertheit darauf, wie der nächste Schritt in der Karriere auszusehen hat, wie viel Verdienst damit verbunden sein sollte und in welcher Art von Unternehmen – also am besten ganz viel Reputation und Aufstiegspotential – das sein sollte. Dann beginnen sich die Gedanken nur noch darum zu drehen. Der CV wird entsprechend poliert, die Netzwerke aktiviert und JETZT, genau jetzt, muss dieser Job her. Ganz selten fragen sich die Leute dabei: Macht mich das wirklich glücklich? Ist es das was ich wirklich, wirklich ehrlich mit Bauch, Herz und Verstand möchte?

Je mehr Fokus auf diesen Weg – oft leider auch verbissen – gerichtet wird, desto weniger non-attachment passiert. Im Yoga heißt das Citta Vritti – als der ständig schwatzende Kopf, der eigentlich gar nicht gewohnt ist, Ruhe zu geben.

 

Der schwatzende Kopf

 

Kennt ihr das? Wenn sich eben eure Gedanken nur noch um eine Sache drehen und ihr nach einer Weile auch echt viele Sorgen mit dem Thema verbindet? Je mehr dieses Thema wächst, desto schwieriger ist es das loszulassen. Noch schwieriger ist es dann eben einfach mal die Seele baumeln zu lassen und darauf zu vertrauen, dass alles kommt.

 

Im Buddhismus wird non-attachment sehr viel mit Frieden und Raum verbunden. Ich habe diese Momente oft, wenn ich in der Natur bin. Dann atme ich ganz bewusst die frische Luft ein, gerade jetzt macht mir sogar manchmal die kalte, frische Luft Freude. Ich atme die Erde, die Gräser und die Weite ein und mein ganzes Inneres füllt sich mit dieser Freude über die Natur.

Danach schaue ich um mich und versuche fast schon ein bisschen wie ein Schwamm aufzusaugen, was mich da umgibt: Die Bäume, die Gräser, vielleicht ein bisschen Rauhreif auf den Grasspitzen und den Blättern. In solchen Augenblicken wird plötzlich alles ruhig und ich fühle so eine tiefe Verbundenheit mit dem Moment und der Natur. Das ist Frieden und das ist Verbundenheit für mich. Lustigerweise muss ich dann gar nicht denken und kann meinem Citta Vritti auch ganz bewusst sagen, Ach, jetzt musst du mal nicht quatschen, Kopf. Ich kann mir die Gedanken anschauen und sie auch gleichzeitig wieder loslassen und es fällt mir so gar nicht schwer.

 

Vielleicht habt ihr ja auch solche Tätigkeiten, die euch – bewusst oder unbewusst – einfach helfen, nicht zu denken und für den Moment loszulassen? Ich glaube, wenn man solche Tätigkeiten oder Orte öfter bewusst ansteuert, fällt das loslassen leichter.

 

Gebt Euren Kindern Flügeln…

 

Ich würde gerne noch eine Frage aufnehmen, die ich ganz oft höre und lese, wenn es um non-attachment und loslassen geht. Wenn ich nichts und niemandem mehr anhafte, also absolutes non-attachment praktiziere und alles loslasse, bedeutet mir dann noch irgendwer oder irgendwas etwas?

 

Die Frage ist valide und ich finde, wir sollten sie uns nochmal gemeinsam anschauen. Ich mag dabei das Beispiel von Eltern so gerne. Ich habe mal ein wunderschönes Gespräch geführt, in dem mir die junge Mama sagte: Weißt du, ich versuche meine Kinder immer nach dem Motto zu erziehen, gib ihnen Flügel zum Fliegen in der Hoffnung, dass sie zu dir zurück kommen. Und sie fügte noch hinzu: Seit dem ersten Tag an dem meine Kinder auf der Welt sind, sage ich mir, du musst sie lieben und du musst sie loslassen.

Ich war sehr gerührt von ihrer Offenbarung und auch sehr dankbar. Denn ich glaube, für Mütter und Väter, die gerade am Anfang so vollkommen erfüllt sind von der Liebe zu ihren Kindern, ist dieses Loslassen keine Selbstverständlichkeit. Für mich hat diese Aussage aber auch eine ultimative Form von Liebe ausgedrückt. Da war eine ganz klare Intention, die Kinder zu eigenständigen Wesen zu erziehen, die eben ein eigenes Leben führen werden. Und um dieses Leben zu führen, brauchen sie Flügel. Auf ihren Flügeln können sie fliegen, wachsen und werden. Aber mit diesen Flügeln dürfen sie auch immer wieder nach Hause zurück kommen, wo eine Mama, die sie liebt da ist und sich aber auch über die Flüge und Reisen der Kinder freut.

Das soll nicht heißen, dass die Mama da sitzt und wartet. Sie hat vermutlich auch ganz bewusst ihre eigenen Flügel immer mal wieder in Anspruch genommen. ;)

 

Es scheint also ja doch möglich zu sein, eine gewisse Portion non-attachment ins Leben hinein fliessen zu lassen.

 

Ich mag diesen Gedanken. Ich mag auch die Hoffnung, dass über das Loslassen Leichtigkeit entsteht. Denn irgendwie heißt es ja auch, man nimmt sich selbst vielleicht nicht immer ganz so ernst und kann auch manchmal Dinge (Gefühle, Ärgernisse, Gedanken) ziehen lassen.

Die Verbundenheit, die mit bewussten Momenten von Loslassen für mich kommt, flösst mir auch immer sehr viel Vertrauen auf mein Leben und den Moment, vielleicht sogar auch auf das was kommt ein.

 

In diesem Sinne würde ich mich freuen, mit Euch allen zusammen ein bisschen los zu lassen.

Sei es in einer kleinen Meditation, bei der ihr euch bewusst die Intention „Loslassen“ setzt, oder bei einem kleinen Spaziergang in der Winterfrische, vielleicht auch über einen Weihnachtsmarkt. Vielleicht könnt ihr auch loslassen, wenn ihr Plätzchen backt oder eine Tasse Tee trinkt. Was immer auch hilft, für einen Augenblick zu sein und das zu geniessen, tut es.

 

Lebt ein wenig. Liebt ein wenig. Lacht ein wenig. Und geniesst das Wissen, dass das Leben einfach so schön sein kann.

 

Love and light***

Martina

 

Hier noch ein paar spannende Links:

 

Yoga Sutra von Patanjali

Ich habe diese Version des Buches. Die Version ist zwar auch Englisch, erklärt aber wunderschön die Sanskrit Texte mit eigenen Interpretationen.

 

Thich Nhat Hanh

Hier findet Ihr einen Link zu einer aktuellen Dokumentation über den Mönch Thich Nhat Hanh. Der Film hat mich tief bewegt.

 

Hier der Podcast zum Blog

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